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Heute musste ich zum Arzt: Das vordere Gelenk meines rechten Mittelfingers schmerzte, aus mir unerfindlichen Gründen. Also fuhr ich hin, Uwe, mein Affe, wartete im Auto. Am Empfang sagte ich der Dame, dass das vordere Gelenk meines rechten Mittelfingers schmerzte, aus mir unerfindlichen Gründen. Sie schickte mich ins Wartezimmer. Ich trat ein und es war randvoll mit schweigenden Leuten, die sich einer peinlichen Stille hingaben und am liebsten unsichtbar gewesen wären, da rief mir die Dame vom Empfang nach, ich hätte einen Zettel auf dem Rücken kleben. Mitten im Wartezimmer stehend und von allen angegafft fummelte ich mir den Zettel vom Rücken und muss dabei ziemlich bescheuert ausgesehen haben – die hochfrequenten Ächtzgeräusche hätte ich mir vielleicht sparen sollen. Auf dem Zettel stand: „Bitte einschläfern ohne zu Fragen“. Uwe, du Arschloch. Das sagte ich laut. Ich ging zum Fenster des Wartezimmers und riss es auf; unten stand mein Auto und ich sah Uwe, wie er die Polsterung aus meinem Sitz fraß. Als die Topfpflanze auf die Motorhaube krachte, schreckte er hoch und musste husten, weil er sich am Schaumstoff verschluckt hatte. Er gaffte hoch. Ich schrie runter: Fick dich, du blödes Arschloch! Er zeigte mir den Mittelfinger. Ich bat eine alte Dame, mir beim hoch hieven des Wasserspenders auf die Fensterbank zu helfen. Der fiel aber dann nur direkt unter das Fenster. Egal. Als ich dann schließlich dem Arzt gegenüber saß, fragte er mich nach meinem Problem. Ich zeigte ihm meinen Mittelfinger. Er sagte, nana, junger Mann, kein Grund, beleidigend zu werden. Ich sagte, nein, der Finger ist mein mein Problem, das vordere Gelenk schmerzt. Aha, sagte er, zeigen sie noch mal her. Ich zeigte. Jetzt sah er es objektiv und unter dem Licht der kühlen Wissenschaft. Seine Assistentin kam rein und fand uns gegenüber sitzend, ich den Mittelfinger dem Doktor entgegenstreckend und er diesen besonnen betrachtend. Sie bemerkte es nicht und ging wieder, als sie heraus fand, dass sie nicht auf der Toilette war. Leider erst, als sie spülen wollte. Der Wasserspender liege auf der Straße, sagte sie noch, aber sie wüssten schon, wer es war, die alte Dame sei gerade von der Polizei abgeholt worden. Ich musste laut lachen, und der Arzt sagte mir, ich solle doch bitte bloß mein Maul halten, er müsse sich konzentrieren, worauf ich mich entschuldigte. Er meinte nur, ich halte ja immer noch nicht die Fresse. Also war ich ruhig. Nach einer Weile – er war eingenickt, aber ich hatte mich nichts sagen getraut – schreckt er hoch und sagte: Jaja. Ich sagte aha. Und er: Doch, doch. Er fragte mich, wie lange ich diese Schmerzen schon hätte und wann sie auftraten. Seit einer Woche, und immer, wenn ich wem dem Mittelfinger zeigte, was oft vorkam, wie ich ausführte, denn ich hätte diesen saublöden Affen, ein Arschloch sage ich ihnen, hoho, übles Vieh, und der veranlasse mich eben immer zu dieser Art des Gestikulierens und der Arzt meinte nur, mein Gott Junge, halt bitte endlich deine blöde Schnauze, dass sei ja fürchterlich, dieses dumme Geschwätz. Warum ich nicht den anderen Finger ab und an benutzte, wollte er wissen. Kann ich nicht, sagte ich, ich bin Rechtshänder. Alles klar, meinte er, das wäre es auch schon, er gibt mir was mit, sagte er, nahm eine Schachtel Rattengift, strich mit einem Stift das Wort „Rattengift“ aus und schrieb darüber: Mittelfingergesundmachszeugs. Ein langes Wort - am Ende musste er ganz eng schreiben, weil ihm der Platz ausging, er hatte sich verschätzt. So ein Idiot. Dem Totenkopf malte er noch Mickey Mouse Ohren hin. Dann gab er mir die Packung, stand auf und drehte sich um, blieb mit dem Rücken zu mir aber stehen und sagte nichts mehr und wartete darauf, dass ich ging. Ich nahm alles auf seinem Schreibtisch mit, das ich tragen konnte, darunter auch eine stylische Lampe, und verließ den Raum. Vor der Rezeption war eine Blutlache zu sehen, von der Alten, die den Wasserspender hinausgeworfen hatte, so die Empfangsdame, die hatte sich gewehrt, als die Polizei sie abführen wollte, da haben sie sie erschossen, haha, das hätten sie sehen sollen, eine Sauerei sei das gewesen und tolle Lampe hätte ich da dabei, ihr Chef hätte auch so eine, ja, Tschüss dann, schönen Tag noch, beehren sie uns bald wieder, haha. Unten am Auto machte ich den Kofferraum auf und warf das Zeug hinein. Der Wasserspender war auch schon drin. Uwe hatte meinen Sitz bis auf das Metallgerüst abgegrast und klagte über Bauchschmerzen. Ich sagte, er solle in meinem Auto nicht rauchen, aber er nippte nur desinteressiert an seiner Whiskeyflasche. Wichser, sagte ich zu ihm, und er meinte, ich könne mich ins Knie ficken. Als das geklärt war, fuhr ich los. Ich verkaufte Uwe das Rattengift für 20 Euro als Popkorn, worauf er auf der Heimfahrt noch richtig kotzen musste. Ich lachte mich schier tot.

7.7.07 16:34, kommentieren

Habe mir heute überlegt, wie ich mal wieder Mitleid bei Frauen erregen könnte. Verletzungen sind immer gut, am besten Blessuren aus einem Kampf. Also abends ab in die Disco und eine nette Gruppe Türken angesprochen – auf die ist ja immer Verlass. Ich sage, he Jungs, wie wär´s, würdet ihr mir für zwanzig Euro eine verpassen, ein nettes blaues Auge, oder ne dicke Lippe, irgendwas in der Art? Sie sind zunächst verwirrt und ziehen nicht so richtig, also bringe ich das Eis zum Schmelzen mit den Worten: na kommt schon Leute, eure Mütter machen für zwanzig Euro doch auch alles. Es klappt prima, ich bekomme meine Packung, und sogar umsonst! Leider auch etwas mehr, als ich mir vorgestellt hatte, aber jetzt weiß ich auch, dass Frauen nicht sonderlich auf Zahnlücken stehen. Wenigstens gefällt es Uwe.


8.7.07 15:23, kommentieren

Vor einigen Tagen waren Uwe und ich wieder im Auto unterwegs. Wir sangen laut Piratenlieder und es ging zum Anlass passend eine große Flasche weißer Rum herum, aber eigentlich hatte Uwe die ganze Zeit die Flasche, und ich musste ihm jedes mal eine Kopfnuss Kaliber Kokosnuss verpassen, um einen Schluck zu bekommen. Hatte er die Flasche wieder, sangen wir weiter und die Welt war wieder schön. Eine Polizeistreife überholte uns und winkte uns rechts ran. Ob wir sie nicht gehört hätten, sie hätten uns schon dreimal mit der Sirene aufgefordert, anzuhalten, ich würde Zickzack fahren. Nein, habe ich nicht, Herr Polizist, ich dachte, sie wären ein Eiswagen und wir hatten keine Lust auf Eis, nur auf Bier, aber dann hätte sie ein Bierwagen sein müssen, und die haben bekanntlich ja keine Klingel, haha, so wie ein Eiswagen. Und scheinbar so wie sie. Was das für ein Tier auf dem Beifahrersitz sei, wollte der nette Mann wissen, sein Kollege ging derweil um mein Auto herum. Das ist ein Affe, Uwe heißt er, und er kann sprechen, Uwe, los, sag was zu dem netten Herrn. Uwe sagte: Einmal Himbeer, einmal Schoko und ein Helles. Erstaunlich, meinte der Polizist, wenn auch etwas vorlaut. Ach, den sollten sie mal in Fahrt erleben, wenn er auf Koks ist oder so, Junge Junge, ab geht die Luzi, sag ich nur, hoho. Dabei knuffte ich den Polizisten freundschaftlich auf den Oberarm. Der verbat sich das und fragte gereizt, wie das mit dem Koks gemeint war. Ich sagte, Koks, was für Koks, Koks habe er gesagt. Er sagte, nein, ich hätte das gerade eben gesagt. Ich verneinte abermals. Er sagte, wir sollen aussteigen. Wir haben beide damit angefangen? Ich suchte den Kompromiss. Raus aus der Karre! Er wurde laut. Was mich schon immer interessiert hat, Herr Wachtmeister, lenkte ich ab, was ist denn so bei Beamtenbeleidigung zu haben? Zum Beispiel, was kostet `Froschficker´? 500 Euro, sagte er. Oh, das ist mir zu teuer – Uwe, wie viel Geld hast du dabei? Er hatte vier Euro und ein paar Cent, plus zwei Extasypillen. Ob er Extasy möge, frage ich den jungen Beamten, und ich hätte dann gerne `dummes Arschloch´ dafür, das müsste doch günstiger sein, außer ´Arschloch´ allein wäre noch billiger, auf das ´dumme´ könnte ich notfalls nämlich verzichten. Da schaltete sich Uwe ein: er wolle auf das ´dumme´ auf keinen Fall verzichten, und des Friedens willen gab ich nach und sagte, also gut, von mir aus, dann eben einmal `dummes Arschloch´ bitte. Ich drückte dem Mann die Bezahlung in die Hand. Er schrie jetzt. Ob wir noch mehr Drogen dabei hätten. Dabei nicht, aber daheim, sagte ich, was er denn so bräuchte, und Uwe wollte wissen, ob eine abgesägte Schrotflinte auch Drogen sei. Da musste ich laut los lachen: wie blöd kann dieser Affe denn bitte sein, und dabei sah ich den Polizisten immer wieder auffordernd an und nickte eifrig, er möge doch mitlachen, was er aber scheinbar nicht wollte, weshalb ich alleine weiter lachte. Dummer Affe, rief ich mit Tränen in den Augen. Ich solle die Fresse halten, zischte Uwe, er war beleidigt. Doch ich konnte nicht aufhören. Uwe zog die abgesägte Schrotflinte unterm Sitz hervor und fuchtelte damit herum. Die beiden Polizisten sprangen wie die Irren hinter ihr Auto. Wer dann zuerst zu schießen angefangen hat, weiß ich nicht mehr, aber ich könnte wetten, Uwe war´s, warum sollte er es dieses mal nicht gewesen sein? Er zauberte noch ein paar Handgranaten unterm Sitz hervor, um das Duell endgültig für uns zu entscheiden, so dass ich selbst nur noch wenige Schüsse abgeben musste – mir reichten knapp drei Magazine. Auf jeden Fall hatten wir dann doch noch Lust auf ein Eis, deswegen gab es an der nächsten Tanke noch ein Spongebobeis für jeden – Kreuzkümmel-Kürbiseis war schon aus oder kannten sie nicht, zum Leidwesen von Uwe. Dafür war es umsonst, ich hatte meine Pistole in der Hand vergessen, und als ich sie auf den Tresen legte, um mein Geldbeutel zu holen, viel der Verkäufer in Ohnmacht. Uwe meinte, diese Situation noch weiter ausnützen zu müssen, indem er den Kaffeeautomat ins Auto zerrte und den Kofferraum voll Super Plus laufen ließ. Ich hätte einen Diesel, Affenhirn, sagte ich. Macht nix, Super Plus ist wertvoller. Dummer, dummer Affe. Und Spongebobeis schmeckt so, wie es aussieht.

10.7.07 22:26, kommentieren